Gemeindearchiv

Ein Blick in die Geschichte
Das Gemeindearchiv zu Aidhausen
 
Das Rathaus in Aidhausen beherbergt ein kleines Labyrinth aus Regalen voller grauer Kartons. Die Namen der einzelnen Ortsteile sind sorgfältig aufgebracht. Daneben stehen alte Bücher, in der Ecke ein großer Schrank voller Geheimnisse. An den Wänden hängen Collagen mit Porträts gefallener Soldaten. Christine Fuhl gibt mir heute einen Einblick in das Gemeindearchiv.
Es war der Aidhäuser Hobbygeschichtsforscher Arnold Blosl, der Anfang des neuen Jahrtausends die Neuordnung der bis dahin eher stiefmütterlich behandelten Archivalien der einzelnen Gemeindeteile anregte. 2004 machte man sich ans Werk. Ein Raum musste her. Die Gemeindearbeiter übernahmen Anstrich und Einrichtung, ehe das eigentliche mühsame Zusammensuchen der verstreuten Archivalien beginnen konnte.
Es fand sich ein Team aus fünf Interessierten, darunter Christine Fuhl, die sich schließlich ab Anfang 2005 an die mühsame Arbeit machten. Am Beginn half Brigitte Gerber von der VG Hofheim, die bereits bei der Sortierung anderer Archive wertvolle Erfahrungen gesammelt hatte. Sie etablierte den Einheitsaktenplan als Ordnungsmodell, der für viele Archive genutzt wird und deshalb geübten Archivsuchern vielerorts, so nun auch in Aidhausen, einen schnellen Einstieg ins Dickicht alter Dokumente ermöglicht.
Christine Fuhl berichtet von der Zeit der Sichtung und Sortierung, die ganze zweieinhalb Jahre gedauert habe. Die Archivalien der einzelnen Ortsteile seien in völlig unterschiedlichem Zustand gewesen. Bedauern äußert sie über den vorgefundenen Zustand der Nassacher und der Friesenhäuser Unterlagen. Vor allem aus Friesenhausen seien die Bestände unvollständig, die Unterlagen seien zu Teilen entweder gar nicht erst aufbewahrt oder irgendwann vernichtet worden. In sehr gutem Zustand hätten sich demgegenüber die Archivalien aus Happertshausen befunden. Traditionell für die Archivarbeit zuständig, habe sich insbesondere der letzte dortige Gemeindelehrer hier besonders engagiert. Für den Gemeindeteil Aidhausen seien zumindest ab 1900 gute Bestände vorhanden.
Im Verlauf der Zeit sei das hochmotivierte Fünferteam durch Tod oder Ausscheiden einzelner dezimiert worden. Zum Schluss, sagt Christine Fuhl, habe man sie quasi inoffiziell als Archivbetreuerin eingesetzt. Im September 2007 sei das Archiv dann feierlich eröffnet worden.
Nicht jeder, erklärt sie, habe für ihr ungebrochenes Interesse an der Geschichte Verständnis. „Vergeudete Lebenszeit“ höre sie zuweilen – und kann es nicht nachvollziehen. Der Blick in die Geschichte sei spannend und überaus unterhaltsam. Schon als Kind sei sie von den regelmäßigen Besuchen im Schloss einer alten Baronin ihres Heimatortes fasziniert gewesen. In Aidhausen habe sie zuerst mit Recherchen über die Familiengeschichte der Fuhls begonnen und deren vierhundertjähriges Wirken im Ort ergründet. Nach und nach sei sie immer weiter in die Materie vorgedrungen.
Vor allem die Zugezogenen, weniger die Einheimischen, seien es indes, sagt Christine Fuhl mit einigem Bedauern, die sich für die Ortsgeschichte interessierten. Zuträge gebe es gelegentlich noch aus privater Hand, vor allem aber helfe der Hofheimer Archivbetreuer Max Breitwieser, der gemeindebezogene Unterlagen öfter von Hofheim nach Aidhausen überweise. Zuletzt habe er die lange vermisste Aidhäuser Schulchronik aufgetrieben; hierüber freue sie sich besonders.
Auf die Frage nach besonderen Schätzen führt Christine Fuhl zu dem eingangs erwähnten Schrank. Er beherbergt unter anderem ein Büchlein mit dem Titel „Wie die Mahl zu Aydhausen gehägt“, in dem mit sorgsamer Handschrift das zweimal jährliche Aidhäuser Schüttmahl beschrieben ist. Jeder in der Gemeinde Betraute, etwa der Flurknecht, Nachtwächter, Waldhüter oder Messner, habe bei diesem Anlass feierlich einen besonderen Eid geleistet und dem Würzburger Bischof als oberstem Lehensherrn die Treue geschworen.
Mit besonderem Interesse habe sie auch die Geschichte der Aidhäuser Ortsarmen-Kommission aufgenommen. In regelmäßigen Abständen habe diese Kommission Beschlüsse zur Versorgung der Armen gefasst. Da das Armenhaus durch die Bürger habe finanziert werden müssen, sei ihr außerdem die Aufgabe zugefallen, durch eine strenge Kontrolle der Brautleute, die um Heiratserlaubnis baten, zu verhindern, dass Familien ohne hinreichende Versorgungsmöglichkeiten im Ort entstanden. Zahlreiche Ehen seien wegen der Besorgnis, die künftige Familie könne in Armut fallen, nicht genehmigt worden.
Sternstunden? Christine Fuhl freut sich darüber, dass eine fortgezogene Frau nach vielen Jahren vergeblicher Suche nach ihrem im Weltkrieg gefallenen Vater auf einer Ehrentafel im Aidhäuser Archiv endlich ein Bild von ihm entdeckte.
Zahlreiche der in alter Handschrift abgefassten Unterlagen hat Christine Fuhl im Laufe der Jahre selbst übersetzt und ihre Arbeiten in eigene Ordner sortiert. Zudem hat sie viele Veröffentlichungen gesammelt, die sich mit der Ortsgeschichte beschäftigen – solche von Kilian Klüpfel etwa, der unter anderem eine Kirchengeschichte verfasst hat, oder die akribisch recherchierte, doppelte Häuserchronik von Aidhausen. Ja, auch sie selbst hat schon etwas geschrieben, jedoch nicht veröffentlicht, gesteht sie lächelnd. Zuletzt hat sie eine Fülle von Schulbüchern gespendet: „Wer weiß denn, ob man das in fünfzig Jahren noch kennt?“ fragt sie.
Und nun? Christine Fuhl sagt, der historische Kreis, den Arnold Blosl seinerzeit zusammengetrommelt habe, sei in den letzten Jahren stark geschrumpft. Es sei aber gelungen, die Erinnerungen zahlreicher zwischenzeitlich verstorbener Mitglieder über die vergangenen 100 Jahre aufzuschreiben. Ihr umfangreiches Wissen zur Ortsgeschichte gibt Christine Fuhl auf Anfrage gerne weiter – sei es in Vorträgen bei Seniorennachmittagen oder als Ortsführerin für Schulklassen zum Thema „Wie Schule früher war“.
Zwei Stunden sind wie im Flug vergangen. Dann schließen sich die Türen des Archivs und wir treten wieder hinaus in die Gegenwart – mit einem etwas anderen Blick auf eine geschichtsträchtige Gemeinde Aidhausen.

Text: Yvonne Bruckauf

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