Theater 2019 - Happertshausen

Ein Gockel, ein Betrug und eine Mordsgaudi
Die Happertshäuser Theatergruppe spielt „Mord im Hühnerstall“ von Regina Rösch
 
Furios und körperbetont inszeniert die Happertshäuser Theatergruppe in dieser Saison Regina Röschs klassischen Dreiakter „Mord im Hühnerstall“. Unter der Leitung von Robert Krug entfaltet das achtköpfige Ensemble auf der liebevoll hergerichteten Bühne des DJK-Heims ein herrlich wildes komödiantisches Spektakel.
 
Auf dem heimischen Erbhof genießt der Finanzbeamte Alfons, in Fülle und Jahre gekommen, die Rundumversorgung seiner  ebenfalls ledig gebliebenen, verbitterten Schwester Lisbeth. Das kauzige Duo, das weder miteinander noch ohne einander kann, quält sich durch öde Tage, deren Höhepunkt in den Besuchen der in gleicher Konstellation lebenden Nachbarn Karl-Joseph und Sophie und in ewig fruchtlosen Streitereien über Lisbeths Gockel Otto besteht.
Über das Quartett dieser menschlichen „Ladenhüter“ bricht das Unheil in Person zweier aufreizender Feriengäste herein. Agathe und Sabine verdrehen Alfons und Karl-Joseph im Handumdrehen den Kopf, um ihnen – man ahnt es – hinterrücks nichts anderes als die Taschen zu leeren. Hilflos müssen die bedrängten „Ladenhüterinnen“ Lisbeth und Sophie mit ansehen, wie Trottel Alfons teure Friseurbesuche und Kleiderkäufe bezahlt.
Vom einfältigen Dorfpolizisten Leo haben sie keine Unterstützung zu erwarten. So versuchen sie sich in Selbsthilfe. Als Agathe und Sabine Alfons‘ gesamte Ersparnisse stehlen wollen, kommt es zu einer wilden nächtlichen Keilerei, an deren Ende Hausherr Alfons ohne Lebenszeichen im Hühnerstall liegen bleibt. Ein jeder denkt nun, er habe dem Ärmsten das Lebenslicht ausgeblasen. Lisbeth, Sophie und Karl-Joseph verfrachten Alfons‘ Körper darum hin und her und her und hin, um das Verbrechen zu vertuschen. Dabei bekommen sie es nicht nur mit Leo, sondern auch mit den Ermittlern Derrick und Klein zu tun, die inkognito auf dem Hof eingecheckt haben, um dem betrügerischen Duo Agathe und Sabine auf die Spur zu kommen. Zu allem Übel taucht auch noch Alfons‘ Zwillingsbruder Max auf – inklusive eines notorisch unguten Bauchgefühls, mit dem er Derrick, Klein und Leo gnadenlos auf das schuldbewusste Trio hetzt.
 
Natürlich wird am Ende alles gut. Bis es aber soweit ist, versorgt Autorin Regina Rösch den Zuschauer mit jeder Menge Pointen. Übliches ist darunter – wie die ewige Watsch’n gegen den vermeintlich faulen Beamtenstand –, aber auch erfrischend Subtiles („Halt‘ schon mal das Fahrrad, Harry.“). Das Stück lebt daneben vor allem von der Situationskomik, die viel Raum für das freie Spiel der Akteure lässt.
 
Das Happertshäuser Ensemble wirft sich mit Hingabe in den Stoff. Dessen Dreh- und Angelpunkt sind die Geschwisterpaare Alfons (Wolfgang Hepp) und Lisbeth (Manuela Handke) sowie Karl-Joseph (Marco Schmitt) und Sophie (Andrea Schneider). Marco Schmitt verleiht seinem Karl-Joseph vor allem in der nächtlichen Vollrauschszene durch beeindruckend körperbetontes Spiel hohe Authentizität. Wolfgang Hepp beeindruckt mit ausdrucksstarker Mimik und gekonnt eingesetzter Interaktion mit dem Publikum. Mit seiner dutzendfach erhobenen Forderung nach der „geböicheld‘n Hous‘n“ pflanzt er zudem den Mundart-Ohrwurm des Abends in die Gehörgänge der Zuschauer. Zum Publikumsliebling spielt sich Manuela Handke mit ihrer Figur der Lisbeth heraus, für die sie verbal wie nonverbal alle denkbaren Facetten des Komödiantischen ausreizt. Ihre Mimik und Gestik sind ausdrucksstark und bedürfen vielfach keiner Worte. Andrea Schneider bildet in ihrer Rolle als trottelige Sophie hierzu das ideale Pendant; im Verlauf der dargestellten Vertuschungsversuche wird das fein aufeinander abgestimmte Spiel der beiden Frauen zu einem großen, besonderen Vergnügen.
 
Manfred Schmitt als tumber „Bulle von Happertshausen“ Leo punktet mit gekonnter Schlagseite und hemmungslos gespielter Einfalt. Gut gelungen ist auch die Besetzung der Kommissare Derrick und Klein mit dem erfahrenen Stefan Krug neben Rookie Philipp Schneider. Michaela Back und Neuzugang Nina Schneider spielen das verführerische junge Duo Agathe und Sabine. Die jungen Leute finden – ein absolutes Plus der altersmäßig bunt gemischten Theatergruppe – schnell den Anschluss an die erfahrenen Mimen und zeigen von Beginn an keinerlei Publikumsscheu.
 
Der voll besetzte Saal des DJK-Heims ist rasch in Stimmung und geht von Szene zu Szene aktiv mit. Die Schauspieler lassen sich vom Applaus tragen. In den zwei Pausen versorgen die Helfer das Publikum mit Speis‘ und Trank. Fast ist man überrascht, dass es am Schluss doch schon halb zwölf ist. Zum Lohn für die Mühen der Darsteller, der Helfer und des Regisseurs gibt es langen Schlussapplaus. Man darf gespannt sein, wohin sich das Ensemble mit seiner bunt durchmischten Zusammensetzung, die Raum noch für viele Ideen lässt, in künftigen Jahren entwickelt.
 
Text & Foto Y.B.
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