Theater 2019 Friesenhausen

Himmlischer Genuss und diabolisches Vergnügen
 
Die „Fahrenden Gaukler“ aus Friesenhausen
inszenieren „Eine himmlische Beförderung“ von Wolfgang Bräutigam

 
Susanne Karch und Ulrike Weisheit bilden eine „Gaukler-Vorhut“ mit heikler Mission: Die beiden Mitglieder der Friesenhäuser Theatergruppe suchen für jede Saison das passende Stück aus. Vor kurzem haben sie in einem Zeitungsartikel bekannt, worauf es dabei ankommt. Thema, Szenenapplauswahrscheinlichkeit, Dauer, Improvisationsmöglichkeiten, vermutete Anzahl der Lacher – denkt man. Dass, wie die beiden Damen offenlegen, ganz profane Zwänge, etwa die Zahl der verfügbaren Bühnenausgänge, über das Wohl und Wehe eines Stückes entscheiden können, denkt man eher nicht.
 
Wohl dem Ensemble, das sich um Kulissen und Technik keine Sorgen machen muss. Zu dieser beneidenswerten Fraktion zählen die Friesenhäuser. Hier sorgt eine zweite „Vorhut“ für Kulissen, die es so in den Theatern der Region kein zweites Mal gibt. Mime Herbert Buchner verfügt über bautechnischen Ideenreichtum und Sachverstand, zudem über vier ebenso tatkräftige wie kreative Söhne, die nahezu alle für den Kulissenbau erforderlichen Handwerke beherrschen. Andrea Meub lässt mit Pinsel und Farbe auf den Rohbauten lebensnahe Dörfer und Landschaften entstehen. Stefan Conrad und Thomas Glücker fungieren mit unermüdlicher Geduld als Bauhelfer. Näharbeiten erledigt Buchner-Mutter Heike schonmal flugs zuhause.
 
Vor neugierigen Blicken durch zugeklebte Fenster sorgsam verborgen, verfällt jene eingeschworene Truppe alljährlich in einen beinahe manisch anmutenden Arbeitsprozess, der sogar über die Weihnachtsfeiertage andauert. In diesem Jahr entsteht im Friesenhäuser Sportheim eine dreiteilige Kulisse: Die Bühne selbst zeigt einen liebreizenden Bauernhof. Sie wird in den Saal hinein flankiert von einem meterhohen Himmelsturm, der nur über den Außenbalkon und eine Hühnerleiter erklommen werden kann; die Verbindung zur Bühne wird durch einen illuminierten Fahrstuhl hergestellt. Vis á vis reicht ein stattlicher Höllenschlund in die Zuschauerreihen hinein, den zu erreichen die Schauspieler auf allen Vieren durch einen gut kniehohen Gang kriechen.
 
Es ist von Vorteil, dass einige Bühnenbauer selbst zur Gruppe gehören und genau wissen, worauf es ankommt. Dass im Spiel alles Erbaute auch richtig in Szene gesetzt wird, bedarf in diesem Jahr gleich doppelter Fürsorge: Regisseur Robert Markert und Helfer Stefan Werner erzeugen Licht, Ton und Rauch.
 
Dieses gesammelte Know-How gibt den „Fahrenden Gauklern“ eine kaum zu unterschätzende Freiheit: Sie können sich die Stücke nach Geschmack und nach der Anzahl der verfügbaren Rollen aussuchen. So kommt es heuer zur Aufführung des Dreiakters „Eine himmlische Beförderung“, dessen üppiger Plot ganze dreizehn Figuren umfasst:
 
Drei Tage vor ihrer Hochzeit kehrt Yvonne Weismann an den elterlichen Hof nach Friesenhausen zurück, um dort gemeinsam mit ihren Eltern Erika und Albert auf Bräutigam Klaus-Dieter, dessen Mutter Henriette und die beiden Trauzeugen Nadine und Gerd zu warten. Dumm nur, dass so mancher Beteiligte höchst egoistische Hoffnungen in die Hochzeit setzt: Mutter Erika und Nachbarin Hilde haben in Eigeninitiative eine zwar ihren Vorstellungen, aber keineswegs den Wünschen der Braut entsprechende Feier organisiert. Vater Albert und Nachbar Heinz geifern, ein fragwürdiges Bauprojekt vor Augen, vor allem nach der erhofften reichen Mitgift des Bräutigams. – In diese Szenerie entsenden überirdische Mächte zwei hochmotivierte Auszubildende: Aus der Hölle schickt des Teufels Großmutter ihren Neuzugang Diavolo, der die Hochzeit verhindern und sich dadurch Hörner verdienen soll. Auf ein Stoßgebet der Brautmutter hin weist im Himmel hingegen Petrus den Engel Rafaela an, die Hochzeit zu retten und sich dadurch eigene Flügel zu erkämpfen. Diavolo streut Gerüchte über den Bräutigam, steckt ihm Zettel mit wenig liebreizendem Inhalt zu und flüstert ihm törichte Worte ein, die seine Liebste zur Verzweiflung treiben. Engelchen Rafaela verstreut zwar reichlich ihren „Harmoniestaub“, verwechselt aber reihum die zu harmonisierenden Personen und heizt damit die Streitereien nur noch weiter an. Braut Yvonne kämpft bald an allen Fronten – gegen die eifrigen Hochzeitsplanerinnen, den geldgeilen Vater und die ehrenrührigen Gerüchte über ihren Liebsten. – Nach zahlreichen Verwicklungen siegt am Schluss freilich das Gute: Eine vor Jahrzehnten gespendete Mark und eine Portion Weißwürste für Onkel Petrus öffnen schließlich sogar dem armen Diavolo einen Weg vom Höllenschlund an die Himmelspforte.
 
Das junge Quartett aus Brautleuten und Trauzeugen bilden Nicole Pendic als verzweifelte Braut Yvonne, Stefan Conrad als ratloser Bräutigam Klaus-Dieter, Dieter Hegemann als turtelnder Trauzeuge Gerd und Andrea Meub als ihm nicht abgeneigte Trauzeugin Nadine. Manuela Wolf spielt die gutherzige Brautmutter Erika, Ulrike Weisheit ihre engagierte Nachbarin Hilde. Erhard Wolf hofft als bräsiger Nachbar Heinz mit Talent zum effektvollen Gänsetanz auf den ganz großen Geldsegen, Arno Schlund mimt in ebensolcher Absicht den gierigen Brautvater Albert. Doris Hofmann beweist als generöse Schwiegermutter Henriette, dass Verstand und Gutherzigkeit einander nicht ausschließen.
 
Über drei Akte wirbeln diese neun Schauspieler in hoher Schlagzahl über die Bühne. Wiewohl keine reine Bauernkomödie, enthält das Stück zahlreiche Elemente eben dieses Genres, die das Ensemble mit viel Witz und Können inszeniert. Das gilt insbesondere für das Quartett der schrägen Brauteltern und ihrer Nachbarn Hilde und Heinz. Es erfreut und bereichert, dass jedem von ihnen – wie auch den Darstellern der vier „jungen“ Leute – mehr Raum und Spiel gewährt wird, als dies bei anderen Stücken oft der Fall ist. Als mondänen Gegenpol zu beiden Quartetten setzt Doris Hofmann ihre Schwiegermutter-Figur überzeugend in Szene.
 
Neben den Sterblichen sind aber vor allem die überirdischen Figuren als Publikumslieblinge angelegt: Schon ihr jeweils effektvolles Erscheinen löst Jubel im Publikum aus. Des Teufels Großmutter ist abwechselnd besetzt: Jürgen Sauerteig interpretiert sie als weise und abgeklärte Alte, Birgit Unrath formt anderntags aus ihr eine feurig-herzige Hexengestalt. Kurz, dafür umso einprägsamer ist der Auftritt von Herbert Buchner als donnernder, stimmgewaltiger Petrus, der zwar gegenüber Engel Rafaela (Susanne Karch) nach Herzenslust herumpoltert, vor dem donnernden Herrgott (aus dem Off „gedonnert“ von Erhard Wolf) aber seinerseits zum schutzsuchenden Mauerblümchen mutiert. Im Wettkampf von Engelchen und Teufelchen entfalten schließlich Susanne Karch und Georg Schuhmann ein (im besten Sinne) maßloses Bühnenfeuerwerk: Susanne Karch schleicht, schmeichelt, schimpft, kämpft und tobt mit ungebremster Energie und Ausgelassenheit durch das Stück. Georg Schuhmann verleiht dem Diavolo eine Präsenz, die – wiewohl komödiantisch – manch professionelle mephistophelische Darstellung in den Schatten stellen könnte – durch geschmeidiges Spiel, facettenreiche Mimik und ein unnachahmliches Falsett. Zum Publikumsliebling macht ihn zudem die Leichtigkeit, mit der er die Zuschauer an seinem Spiel teilhaben lässt, sei es im beständigen Dialog mit seiner spontan erwählten Garderobiere oder beim rasenden Knutsch-Sprint durch die Sitzreihen.
 
Das Standing des Ensembles als Ganzes zeigt sich darin, dass es gelingt, im wilden Wüten dieser überirdischen Gegenspieler, die überall dazwischenfunken, dazwischen spielen und dazwischen hüpfen, die irdische Handlung hochpräsent zu halten. Und es zeugt von der Reife der Gruppe, sich ab und an im Spiel selbst nicht zu ernst zu nehmen – etwa, wenn das Hinabgleiten Susanne Karchs mit dem Himmelsfahrstuhl von einem dröhnend-poppigen „Send me an Angel“ begleitet wird.
 
Um Mitternacht ist alles vorbei. Das Publikum tobt zu Recht begeistert. Der Mut der Friesenhäuser, entgegen langer Tradition einmal keine ganz reine Bauernkomödie auf die Bühne zu bringen, wird belohnt. Unter Robert Markerts bewährter Regie ist das Stück zu einem abendfüllenden Feuerwerk geworden, das kein Auge trocken lässt.
 
So viel Verwandlung, Bühne, Spielfreude – was folgt darauf in der nächsten Saison? Etwa zehn Monate haben die „Fahrenden Gaukler“ nun erneut Zeit, sich nach dem sprichwörtlichen „Herunterkommen“ wieder zu sortieren. Lasst ihnen die Lust am Spiel und die Ideen nicht ausgehen. Spielt, spielt, spielt!
 
Text: Y. B.

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