Theater 2020 - Friesenhausen

Die Fahrenden Gaukler zelebrieren den „Faschingsmuffel“ -
ein durch und durch hausgemachtes Friesenhäuser Theater

 
Am Ende haben sie es geschafft. Alle dreizehn Darsteller stehen – noch während des Stückes – zusammen auf der Bühne. Von der szenischen Herausforderung, vom Diskutieren und Schieben in den Proben, bis jeder seinen rechten Platz in diesem Kuddelmuddel gefunden hat, ist der Szene nichts mehr anzumerken. Was bleibt, ist ein voluminöses Schlussbild, ehe unter dem Regen von Luftschlangen der Vorhang fällt.
Vier Stunden lang haben die dreizehn Darsteller zuvor mit dem Stück „Der Faschingsmuffel“ das Publikum begeistert. Der eigens für die Gruppe geschneiderte Plot zeichnet wie immer ein buntes Dorfleben nach:
In der Wirtsstube des grantigen Hammelwirts trifft sich der kümmerliche Rest einer einst üppigen Gästeschar. Nur noch Nachbar, Metzger, Bäcker und Messner halten ihm die Treue; sie füttern allabendlich die Stammtischsau Rosie mit festgelegten „Abholprämien“, gestaffelt nach dem Zeitpunkt, zu dem ihre Ehefrauen sie wutentbrannt nach Hause schleifen. Anderntags treffen sich die geplagten Gattinnen zum Austausch von Zeitung und Dorfklatsch. Bedienung Helene hat ihre liebe Not, zwischen den frechen Gästen und dem stets übel gelaunten Wirt, der seiner verstoßenen Ehefrau nachtrauert, zu vermitteln. Allzu gern gibt sie sich hingegen den Flirts mit Dauergast Bürgermeister Wichtig hin.
Dessen Freundschaft mit dem Hammelwirt kühlt sich abrupt ab, als er ihm nicht nur das begehrte Straßenwerbeschild abschlägt, sondern die Gemeinde auch noch zu einem Wettbewerb anmeldet, für den die Bürger den eingeschlafenen Friesenhäuser Faschingsball wieder reaktivieren müssten. Der Hammelwirt, früher vielgepriesener Büttenredner, will dies unbedingt verhindern. Die vom Bürgermeister umworbenen Stammtischler zwingt er mit der Drohung, ihre kleinen und großen Sünden aufzudecken, zur Enthaltung. Der ahnungslose Bürgermeister ist bald am Verzweifeln.
Erst als sich Bedienung Helene zum Schein als Tänzerin bewirbt, kommt Leben in die Wirtsstube. Die nicht mehr taufrischen Ehefrauen der Stammtischler verbünden sich zu einer Tanzgruppe und malen sich bereits aus, die ausgelobte Prämie für bizarre Wünsche auszugeben, als überraschend eine Abordnung des Kultusministeriums auftaucht und die Idee eines Männerballetts auf den Plan bringt. Die Stammtischler, aufgebracht wegen des Einsatzes ihrer Frauen, lassen sich, wie so oft betrunken, planlos darauf ein.
Währenddessen kämpft Bürgermeister Wichtig, von Helene mitleidvoll unterstützt, bald selbst mit der Büttenrede. Erst hochprozentiger „Büttenwurz“, von den Ehegattinnen der Stammtischler als Zauberschnaps angepriesen, lässt plötzlich die Reime sprießen und läutet ein furioses Finale ein.
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Viele Rollen und jede Menge Lokalkolorit prägen das Stück. Glänzend besetzt sind die drei Zentralfiguren Peter Wichtig (Georg K. Schuhmann), Egon Hammel (Erhard Wolf) und Helene Kaiser (Susanne Karch). Um sie herum entfachen die beiden Quartette der Stammtischler und ihrer Ehefrauen ein wildes Feuerwerk aus Klatsch, Tratsch, Neid, Einfalt und Ehrgeiz. Szene um Szene lümmeln sich Herbert Buchner als dauerbesoffener Nachbar mit kesser Lippe, Thomas Glücker/Jürgen Sauerteig als steuersündiger Bäcker mit Tanztalent, Stefan Werner als desillusionierter Metzger ohne dasselbe („Ich kann doch garnet gedanz“) und Dieter Hegemann als diebischer Messner mit Hang zum irdischen Biergenuss durch die Wirtsstube. Die ihnen zugehörigen Damen – Manuela Wolf als resolute Nachbarin auf der Suche nach frischen Zellen, Ulrike Weisheit als zeternde Metzgersfrau mit einer Vorliebe für lebendige Minihunde, Nicole Pendic als LEDs-[sprich: Lehds]-affine Bäckersfrau und Andrea Meub als brave Messnerin mit Hang zum diabolischen Papageien-Tattoo – stehen ihnen in nichts nach. Im wilden Tohuwabohu der beiden Gruppen entfalten sich von Aufführung zu Aufführung die unterschiedlichen Charaktere immer mehr, wird mehr getobt, lauter gestritten, gehen Brillen zu Bruch, zerreißen Hemden. In dieses Chaos bricht die Abordnung aus der eitlen, nach Beförderung gierenden Oberregierungsrätin Dr. Held (großartig: Doris Hoffmann) und deren einfältigem Assistenten Pfeiffer (heldenhaft: Stefan Conrad), deren massiv gestörtes Verhältnis die äußere Abwehr gegen die vorgefundenen Zustände grotesk verschärft. Fast schon atmet man am Ende auf, als die verschollene Hammelwirtin (Birgit Unrath) auftaucht und all die aufgeputschten Bühnenbiester nicht nur herzerfrischend vorführt, sondern auch endlich wieder versöhnt.
Und wieder spielen auch in diesem Jahr nicht nur die Schauspieler, sondern auch das Publikum. Vor allem die drei Hauptakteure haben viel Gelegenheit, sich mit den Zuschauern auszutoben. Schon in der Anfangsszene nimmt Bedienung Helene das Publikum mit in die Unterwelt des Stammtischs, wo sie die Hinterlassenschaften der Umsitzenden wegzuwischen hat. Erhard Wolf als donnernder Hammelwirt wütet nicht nur bei seiner Aufzählung der schier endlosen Friesenhäuser Festivitäten, die seine Kasse schmälern, sondern begeistert auch mit einem eigens entwickelten Abgesang auf den Fasching und die Ehe, bei dem er sich im rührenden Mitgefühl des Publikums weidet. Und der wiederum herausragende Georg Schuhmann verstrickt das ehrgeizige Auditorium im Zuge seiner Reimversuche gleich in eine Art kollektiven Poetry Slam, ehe er mit dem Zauberschnaps doch noch solistisch zu wahrer Lyrik findet.
Die Gruppe entwickelt und lebt den Plot von Mal zu Mal neu und anders. Das ist, wie man schon weiß, so ihre Art. Wer die Chance hat, diese Entwicklung von der Probenarbeit über die Premiere und mehrere Aufführungen bis hin zum letzten Vorhang zu verfolgen, sieht beinahe unterschiedliche Stücke. Die mit der hohen Auftrittsdichte einhergehende ungeheure Ausdauerleistung der Schauspieler, physisch wie psychisch, wird dadurch umso mehr spürbar. Denn Null-Acht-Fuffzehn spielt hier keiner. Immer wieder müssen die Szenenpartner und Regisseur Robert Markert in seiner Souffleursbox auf spontane Geistesblitze der Mitspieler reagieren, werden Dialoge und Szenen verändert, Texte eingeflochten, die vorher nicht da waren. All dies geschieht mit ungebremster Spielfreude, bei der so mancher Gag unter den Schauspielern dem Publikum verborgen bleibt. Entsprechend erschöpft ist mancher nach dem Ende der einen oder anderen Vorstellung, zumal in der langen Spielzeit ja auch das Leben „draußen“ mit seinen Höhen und Tiefen für alle weitergeht, oft schon in Nacht- oder Frühschicht, wenige Stunden, nachdem erst der Vorhang gefallen ist.
Auch die Bühne bürgt wieder für Qualität: Das bereits erprobte Team um Viktor Pendic hat sie perfekt auf die Bedürfnisse der Gruppe abgestimmt. Sogar einen Hauch von Shabby Style haben die Bühnenbauer ihrem Werk nachträglich hinzugefügt, um der Wirtsstube das Gesicht einer abgelebten ländlichen Wirtschaft einzuhauchen.
Auch die Leistung der Helfer ist wieder beispielgebend. Immer umfangreicher wird das Programm für die Freiwilligen, die vorkochen, ausschenken und bedienen. Sie alle tun es ehrenamtlich, opfern wieder Abend um Abend für das Wohl der zahlreichen Gäste. Dass die „Fahrenden Gaukler“ im Ergebnis dieses Gesamtwerks wieder eine Rekord-Spendensumme gesammelt haben, ist beinahe zwangsläufig und doch keineswegs selbstverständlich.
Als der letzte Vorhang Mitte Februar fällt, wissen sie noch nicht, dass nicht nur ihre traditionelle Gruppenfahrt, sondern auch die Spendenübergabe wie alles kulturelle Leben in den Folgemonaten der Corona-Krise zum Opfer fallen werden. Die Auszeit wird so intensiver als je zuvor. Der Wunsch nach einem Wiedersehen mit den „Fahrenden Gauklern“ aber auch.
 
Friesenhausen 2020
Text: Y. B.
Bilder: M.Weisheit

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