Mobilität – Thema der Zukunft
 

Erster Mobilitäts- und Mitmachtag der Gemeinde Aidhausen
 
Mobilität? Warum darüber diskutieren? Ist doch heute kein Thema mehr. Mit fünfzehn Moped, mit siebzehn begleitetes Fahren, mit achtzehn elternfinanziertes eigenes Auto, mit Ende zwanzig Familienkutsche und Zweitauto, dazu Liebhaberfahrzeuge für’s Wochenende, Motorrad, Oldtimer, Quad, was auch immer. Hat man doch. Geht doch. 
 
Geht eben nicht (immer): Der Azubi will sommers wie winters mit oder ohne Moped dreißig Kilometer zur Berufsschule oder Ausbildungsstelle . Das schicke Zweitauto streikt und parkt in der Werkstatt, die Kinder aber müssen zur Schule, zum Kindergarten, zum Fußballtraining oder zur Musikschule. Ein unverschuldeter Verkehrsunfall legt die Familienkutsche für Wochen lahm. Eine Verletzung, ein Unfall, eine Erkrankung machen das Autofahren für Monate unmöglich. So oder so: Immobilität – zeitweilig oder dauerhaft – kann jeden von uns treffen. In urbanem Umfeld helfen dann Busse, Straßenbahnen, Züge. Was aber tun wir, hier in Aidhausen, Nassach, Kerbfeld, Friesenhausen, Rottenstein, wenn uns die Mobilität abhandenkommt? Zunächst hilft das soziale Umfeld, Familie, Freunde, Nachbarn. Doch nicht jeder hat das oder traut sich, hierum zu bitten; und selbst funktionierende Hilfen binden Kapazitäten und schaffen Abhängigkeiten, die die Lebensqualität merklich einschränken können.
 
Darum sei ehrlich eingestanden: Wir müssen uns – abseits des blinkenden Fuhrparks unter unseren Carports – Gedanken um Mobilität machen.
 
Bürgerbüro und Gemeinderat haben das Thema aufgegriffen und am 30. März zu einem Mobilitäts- und Mitmachtag aufgerufen. Möglichst viele – so das Konzept – sollten über die gemeindeeigenen Mitfahrerbänke von Gemeindeteil zu Gemeindeteil fahren, die Dorfläden besuchen und sich anschließend in der Aidhäuser Mehrgenerationenwerkstat versammeln, wo bei Kaffee und Kuchen für die Erwachsenen, Karussell und Eis für die Kinder über Mobilität auf dem Land nachgedacht und konstruktiv gestritten werden sollte. Mögen es die vielen blinkenden Fahrzeuge in den Carports gewesen sein oder der strahlende Sonnenschein an einem Samstag mit Temperaturen über zwanzig Grad – wirklich mobil gemacht hat die Bevölkerung in Sachen Mobilität leider nicht. Nur ein kleines Grüppchen Interessierter, darunter die Gemeinderäte Matthias Wolf, Stefan Conrad und Klaus Schirmer, fand den Weg in die Mehrgenerationenwerkstatt. Sei’s drum – wer sich auf den Weg gemacht hatte, erfuhr viel Informatives zum Thema.
 
Und was tut unsere Gemeinde so – in Sachen Mobilität?
 
Sie setzt zunehmend auf Zukunftstechnik. Bürgermeister Möhring und Kommunalbetreuer der Bayernwerk Netz GmbH Günter Jira berichteten in der Veranstaltung über Verhandlungen, Ausschreibung und Errichtung der nun erfolgreich am Rathaus in Aidhausen platzierten Elektroladesäule. Bei den Gemeinderäten Matthias Wolf und Klaus Schirmer, die beide privat Elektroautos nutzen, konnte man sogleich erste Erfahrungsberichte abgreifen. Für die Zusammenarbeit bedankte sich Herr Jira namens Bayernwerk zugleich durch ein weiteres mobilmachendes Geschenk: ein E-Bike, das künftig für öffentliche und private Zwecke entliehen werden kann – natürlich auch durch Touristen, wie Bürgermeister Möhring auf Nachfrage klarstellte. Und weil es sich einfach gemeinsam schöner radelt, kündigte Christian Wittmann vom Verein Besser gemeinsam leben e. V. an, der Gemeinde mittelfristig ein zweites E-Bike zu stiften.

 
Wirken sich bereits diese Angebote nicht nur qualitativ mobilitätsverbessernd, sondern auch mobilitätserhaltend aus, ging es im Verlauf der weiteren Diskussion vor allem um diesen zweiten Aspekt. Und es zeigte sich rasch: Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Erhaltung selbstbestimmter Mobilität auf dem Land. Keine davon ist atemberaubend, keine davon löst für sich genommen das  Mobilitätsproblem. Aber alle sind kleine Bausteine, die helfen können:
 
Für diejenigen, denen es – vorübergehend oder dauerhaft – lediglich am passenden Untersatz fehlt, können Leihfahrzeuge bereitgestellt oder ein Carsharing ermöglicht werden. Christian Wittmann berichtet hierzu, dass das Carsharing mit dem vereinseigenen Fahrzeug – natürlich Elektro! – in Friesenhausen „im kleinen Kreis“ gut funktioniere. Er betont, dass dieses allen Friesenhäusern bei Bedarf zur Verfügung gestellt werden könne. Ein Auto für jeden Gemeindeteil anbieten zu können, bleibt jedoch bis auf Weiteres eine Wunschvorstellung.
 
Andernorts erfolgreich erprobte Alternativlösungen wie Zubringer-E-Bikes aus anderen Gemeindeteilen stoßen im Kreis der Diskutanten auf Bedenken – man kann sich nur schwer vorstellen, dass Rottensteiner, Nassacher oder Kerbfelder Senioren mit dem Fahrrad nach Friesenhausen radeln, um von dort aus das Carsharing-Angebot zu nutzen.
 
Ein zweiter Baustein im Konzept der Mobilitätserhaltung sind die gemeindeeigenen Bürgerbusse. Die beiden in Aidhausen stationierten Fahrzeuge würden, berichtet der Bürgermeister, recht gut gebucht. Sie könnten für viele Zwecke, etwa Arztfahrten oder Theaterbesuche, von allen Gemeindebürgern genutzt werden. Für einen reibungslosen Fahrbetrieb würden mittelfristig aber mehr Fahrer gebraucht. Man könne die Fahrbereitschaft nicht allein auf den Schultern einer einzigen Person abladen. Eher kritisch steht man dem Vorschlag von Christian Wittmann gegenüber, hierzu z. B. die noch hier lebenden Asylbewerber heranzuziehen.
 
Für eine noch bessere Auslastung und Akzeptanz der Bürgerbusse in der breiten Gemeindebevölkerung kommt der Vorschlag, diese nicht nur punktuell, sondern zu regelmäßigen Fahrten zu nutzen, auf die man sich einstellen könne. Positiv bewertet wird die in der Gemeinde Bundorf praktizierte Variante fester Fahrzeiten und -ziele des Bürgerbusses. Auch Matthias Wolfs Vorschlag, im Rahmen solcher Fahrten mehrere Ziele zu einer Tour zu verbinden, findet Zustimmung. Dass es indes Zeit braucht, um ein solches regelmäßiges Angebot bis zur Rentabilität zu etablieren, leuchtet allen Anwesenden ein.
 
Ein dritter Baustein im Konzept der Mobilitätserhaltung sind die in jüngster Zeit viel gescholtenen Mitfahrerbänke, die eine Art komfortables Trampen 2.0 von Ort zu Ort ermöglichen sollen. Der Bürgermeister wiederholt ob der zuletzt vielfach erhobenen Kritik am Sinn dieser Bänke, man solle ihre Wirksamkeit nicht überbewerten. Sicher könne der eine oder die andere hiervon im Einzelfall profitieren. Eher kosmetisch, da ist man sich einig, scheint die Bestückung der Bänke mit Zielstelen, auf denen der Wartende das gewünschte Fahrziel einstellen und sichtbar machen könnte. Was, wenn mehrere Wartende unterschiedliche Fahrziele anstreben? Wie für den Autoverkehr unproblematisch lesbar machen? Eher abschreckend wirken auch die Kosten, die Allianzmanager Hirschmüller für Modellprojekte in Königsberg und Haßfurt mit ca. 800 Euro je Stele beziffert.
 
Zustimmung findet der Vorschlag des Bürgermeisters, das seitens der VG Hofheim angebotene Konzept der Mitfahrzentrale mit dem der Mitfahrerbänke zu verbinden. Kinderleicht scheint das, indem man die Angebote der Mitfahrzentrale – online und damit eher für jüngere Nutzer geeignet – einfach ausdruckt und an den Mitfahrbänken auch für deren altersgemischte Zielgruppe zugänglich macht. Herr Hirschmüller von der VG erklärt, man wolle das Konzept der Mitfahrzentrale in diesem Jahr unabhängig davon noch einmal stärken und fördern.
 
Von den zahllosen Möglichkeiten für mehr Mobilität – seien sie gegenwärtig oder zukünftig – geht es beinahe nahtlos zur Vorstellung der eingegangenen Vorschläge in den vom Bürgerbüro ausgerufenen Wettbewerb um das neue Aidhäuser Marktkonzept. Mehrere Bürger – wenngleich nicht so viele wie vom Bürgermeister erhofft – haben sich Gedanken gemacht und anschauliche Vorschläge gemacht. Am 4. April, so informiert Christine Fesel vom Bürgerbüro, wird sich die Jury mit den Vorschlägen befassen. Voraussichtlich am 14. April erfolgt die Prämierung der Sieger.

Eis, Karussell, Kaffee und Kuchen beenden eine rundum interessante Veranstaltung, die wahrlich mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte.
 
Text Y. B.
Fotos C.F.

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