Ausstellung-Entrükt

Entrückt
Inge Hahn präsentiert Bilder und Plastiken in Aidhausen
 
Es sei kein üblicher Anlass, zu dem er hier eine Laudatio halten solle, schiebt Bürgermeister Dieter Möhring gleich vorweg – kein runder Geburtstag etwa, sondern eine Ausstellung, zu der die Künstlerin selbst einlade. Er selbst hat Inge Hahn aus Friesenhausen ermuntert, ihre Kunstwerke nicht nur auswärts, wo er sie zuerst wahrgenommen hat, im Rahmen des Programms der Volkshochschule auch in der Mehrgenerationenwerkstatt Aidhausen auszustellen. Hier sind sie nun seit dem ersten Dezember täglich zu sehen.
Inge Hahn präsentiert dem interessierten Publikum Bilder und Plastiken aus der gesamten Breite ihres Schaffens. „Entrückt“ sollen die dargestellten Objekte sein, was nach den Vorstellungen der Künstlerin zuvörderst „ihrer ursprünglichen Funktion entkleidet“ bedeuten soll. Und so finden sich in den Kunstwerken schwerpunktmäßig Dinge, die Inge Hahn auf ihrem Grundstück gefunden hat, neu in Szene gesetzt: Holz, Metall, Verpackungsreste, Unbeachtetes, auch erst einmal Unattraktives oder Unappetitliches. Stets sind die Fundstücke der inspirierende Beginn, um den sie im Anschluss ihr Werk herstellt. Sie könne eben „nichts wegwerfen“, antwortet sie auf die Frage nach der Motivation für die Arbeit mit Altem, Verschrottetem und Weggeworfenen.

Stilistisch favorisiert Inge Hahn nicht etwa eine bestimmte Technik, sondern erprobt sich in viele Richtungen. „Sturmvogel“ nennt sie eine Collage aus Astholz und Alteisen, die sie auf einen rot-blauen Himmel aus Acrylmalerei gesetzt hat. Aus Astholz und Verpackungsmaterial entstanden ist „Korallenriff“, von einem meerblauen Hintergrund gerahmt. Auch Kratztechniken und Bilder mit spezifischer Beleuchtung vor doppelwandigem, mehrfarbigem Hintergrund findet man. „Der Nebel lichtet sich“ zeigt eine Frottage, mit Ölkreiden gestaltete Bilder, die ihren endgültigen Schliff durch die aus dem Druckwesen bekannte Technik, bei der die papierne Oberfläche mittels Abreibens auf einem Gegenstand dessen Struktur bekommt, erhalten. „Flügge geworden“ wiederum heißt eine Plastik aus Holzbalken und Türscharnieren.

Inge Hahn ist Kunstlehrerin und betreibt nebenher zwei Ferienhäuser in Friesenhausen. Die berufliche Weiterbildung ermöglicht ihr die Teilnahme an vielen inspirierenden Kursen zu verschiedenen Gestaltungstechniken, die sie dann als Thema in ihren Unterricht einbringt. Vieles hat sie zuerst zur Unterrichtsvorbereitung genutzt, ehe sie es bewusst als Bestandteil ihres eigenen, freien künstlerischen Schaffens begriffen hat. Auf die Frage, welchen künstlerischen Schwerpunkt sie bei sich selbst sieht, betont sie die Phantasie, aus der alle ihre Werke herrühren. Schon immer sei sie ein phantasievoller Mensch gewesen.
Das Ziel sei zuerst einmal, so sagt Inge Hahn später, mit ihrer Kunst wahrgenommen zu werden. Verkaufen müsse sie nicht und wolle sie auch nicht mit aller Macht, wenngleich sie das für einzelne ihrer Werke keinesfalls ganz ausschließen will. Auch heute schon, am Eröffnungstag, findet das eine oder andere Kunstwerk Sammlerinteresse und wird konkret angefragt. Da sagt sie dann – wenngleich mit einem lachenden und einem weinenden Auge – doch nicht „Nein“.
Ganz unterschiedlich ist das Publikum, das den Weg zur Ausstellungseröffnung gefunden hat. Senioren, die auf einen erlebnisreichen Nachmittag hoffen, Kunstinteressierte, Kollegen und Freunde sitzen und stehen und schauen.

Einen besonderen Esprit verleiht der Ausstellung auch die musikalische Umrahmung durch Bernhard von der Goltz und Hermann Tzschaschel. Ganz unprätentiös und dabei höchst virtuos spielen die Herren mal solo, mal im Duett, mal mit Gesang, mal ohne, auf bestechendem Niveau klassisches und unterhaltendes Repertoire.
Täglich kann man nun bis zum sechsten Januar in die Mehrgenerationenwerkstatt hinaufgehen und die Kunstwerke anschauen. Am 30. Dezember wird Inge Hahn mit einem Literarischen Brunch ihrem zweiten Herzensprojekt, der Haßberger Literarischen Tafelrunde (HaLiTaRu), im Rahmen der fortlaufenden Ausstellung ein Forum verschaffen. Literaturinteressierte aller Couleur sind herzlich eingeladen, mit fremden oder eigenen Texten oder nur zum Zuhören vorbei zu schauen.

Text und Bilder Y. B.

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