Theater 2018 - Friesenhausen

Keine Angst vorm Klassentreffen!
Die Fahrenden Gaukler spielen wieder


Ein Wohlfühlabend soll es werden. Regisseur Robert Markert mahnt bei seiner Begrüßung Weile, nicht Eile beim Essen und Trinken an – schließlich ist Samstag und man darf morgen ausschlafen. So kann man erst einmal in Ruhe ankommen – im Sportheim zum diesjährigen Theatergenuss. Die Helfer – wieder allesamt Sportfreunde und Friesenhäuser – schnurren wie eine geölte Maschine und tafeln Getränk um Getränk, Brötchen, Pizza, Bratwürste und Schnitzelsandwiches auf. Man kann wie so oft nur staunen.

Unsere in diesem Jahr eingeladenen Freunde sind ganz sicher keine geborenen Fans rustikaler Theaterkomödien. Wir haben sie ins kalte Wasser geworfen und sind anfangs selbst etwas nervös. Gaukler – gebt alles!

Dann geht es los.

Vorhang auf – es erscheint Amanda Holzmeier (Susanne Karch). Schon gibt es Szenenapplaus. Man kann gar nicht beschreiben, warum. Man klatscht automatisch mit, man freut sich, dass sie da oben steht, und dass die Kulisse wieder so ansprechend hergerichtet ist. Herzlich begrüßt man innerlich die weiteren Akteure, die im Verlauf des Aktes hinzutreten – wie alte Bekannte. Unsere Freunde staunen über die trotz unterschiedlichsten Publikums familiäre Atmosphäre.

Eine klassische Bauernkomödie verbirgt sich hinter dem diesjährigen Gaukler-Stück „Das verflixte Klassentreffen“, das noch bis zum 24. Februar auf der Bühne des Sportheims zelebriert wird.

Die von jenem Ereignis betroffenen Klassenkameraden sind längst in die Jahre gekommen und haben – um es mit Opa Holzmeiers Worten zu sagen – „schon etliche Fürze gefurzt“. Amanda und Franz-Josef haben einander geheiratet, ebenso wie Franz-Josefs Best Buddy August sich Amandas Busenfreundin Franziska zur Frau genommen hat. Nun hat sich Familie Holzmeier über die Jahre hinweg miteinander eingerichtet. Opa feixt und pafft, Amanda und Franz-Josef keifen oder schweigen sich an. Der liebe Sohn Markus hat es sich in Schlaraffia gemütlich eingerichtet, konsumiert Pornozeitschriften aus Opas Fußwärmer und geizt nicht mit fiesen Seitenhieben gegen seine Mutter. Die ganze Tristesse dokumentiert sich in einer quer über den Frühstückstisch verlaufenden, morgendlichen Trennwand aus emporgehobenen Zeitungen, die der Mutter jede freundliche Unterhaltung abschneidet. Pech für Amanda, lautet die Fabel.

Erst ein im Zuge der gequälten Kommunikation unbedacht hingeworfener Satz bringt die unsichtbare Mauer ins Wanken. Franz-Josefs Hinweis auf ein fremdes Klassentreffen weckt bei Amanda sofort Begehrlichkeiten: Abwechslung! Und ein Wiedersehen mit ihrer nach Amerika ausgewanderten Jugendschwärmerei Johannes! Schon gibt es kein Halten mehr: Gemeinsam mit Freundin Franziska leitet Amanda alles Notwendige für ein Klassentreffen in die Wege. Gut, dass Postbotengattin und Dorftratsche Paula mit dem Adressbuch ihres Gatten Ferdinand aufwarten kann! – Die Männer sind entsetzt. Franz-Josef graut’s vor dem Wiedersehen mit Klassenkameradin Lisbeth, der er seit Jahrzehnten für ein heimliches Kind Alimente zahlt. August fürchtet sich nicht minder, denn er mimt seit Jahren den vermeintlich treusorgenden Zahlungsmittler für Franz-Josefs Alimente, die er in Wahrheit in die eigene Tasche steckt.

Schlussendlich muss Franz-Josef die Einladung für Lisbeth in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Briefkasten herausfingern. Fraglos, dass Lisbeth dennoch auftaucht. Fraglos, dass ihre Tochter Cathy es ist, die dem Mutterbuben Markus endlich das Blut in die Lenden peitscht. Fraglos, dass das zu Verwerfungen mit dem inzestfürchtenden Franz-Josef führt.

Fraglos, dass sich am Ende doch alles zum Guten wendet.

In rasch wechselnder Szenenbesetzung peitschen Franz-Josef (Georg Schuhmann), Amanda (Susanne Karch), Opa Holzmeier (Erhard Wolf), Sohn Markus (Stefan Conrad), Kumpel August (Herbert Buchner) und Ehefrau Franziska (Manuela Wolf), Postbote Ferdinand (Arno Schlund) und Ehefrau Paula (Ulrike Weisheit) sowie die Zugereisten Johannes (Dieter Hegemann), Lisbeth (Nicole Pendic) und Kathy (Andrea Meub) durch den Abend. Die Gaukler sind motiviert, routiniert und geben wie immer ihr Bestes. Allein das Stück selbst begrenzt ein wenig ihre Entfaltungsmöglichkeiten. Für Komik durch Mimik, vom Ensemble meisterlich beherrscht, bleibt im hinteren Teil des Stückes kaum mehr Raum. Einigen Rollen wünscht man insgeheim mehr Wucht, damit die Darsteller ihr ganzes Potenzial zeigen könnten.

Aber das Stück birgt auch glanzvolle Momente: Beißend spöttisch: die eingangs geschilderte Frühstücksszene. Urkomisch: der erste Auftritt des Postboten Ferdinand. Glanzvoll: dessen Schnapsbesäufnis. Legendär: Franz-Josefs erotischer Stuhltanz und die nächtliche Ankleideszene. Stilsicher: Franz-Josefs falsettierendes Nachgeäffe seiner vom lieben Johannes schwärmenden Gattin und die sportive Männermauer auf dem Sofa. Herrlich gespielt: der Englisch-Crashkurs mit dem Vokabular aus dem Krankenkassen-Reiseratgeber.

Das Publikum tobt.

Wie immer ist das Programm abendfüllend. Mit zwei Pausen dauert das Stück bis kurz vor Mitternacht. Schon im ersten Akt haben die Gaukler unsere Freunde gecatcht. Wir gehen glücklich nach Hause.

Die Gaukler werden morgen wieder spielen.

Und unsere Freunde? Sie wollen nächstes Jahr wiederkommen.

Text: Yvonne Bruckauf
Bilder: Michael Weisheit


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